Zum Inhalt
Beta

Die Bibel verstehen

Geschichten, die es auch anderswo gibt

Eine Flut, ein Turm, ein Meeresungeheuer: Auch Israels Nachbarn erzählten solche Geschichten. Was ist gleich, was ist anders, und was sagt uns das?

Die Bibel ist nicht vom Himmel in eine leere Welt gefallen. Israel lebte zwischen Ägypten, Babylon und den Kanaanäern, und diese Völker hatten ihre eigenen Geschichten über den Anfang, über eine große Flut, über Meeresungeheuer und Riesen. Seit Archäologen diese Texte im neunzehnten Jahrhundert wiedergefunden haben, legt man sie neben die Bibel. Es zeigt sich: Manchmal ähneln sich die Geschichten stark. Und gerade da fällt auf, wie anders die Bibel von Gott und vom Menschen spricht.

Christen lesen diese Ähnlichkeiten auf mehr als eine Weise. Manche sehen darin eine gemeinsame Erinnerung an wirkliche Ereignisse, die bei anderen Völkern verzerrt wurde. Andere sehen die Genesis als einen Text, der bekannte Geschichten bewusst neu erzählt, um zu sagen, wer der wahre Gott ist. Beide Lesarten halten die Genesis für Gottes Wort; sie unterscheiden sich darin, wie sie gelesen werden will.

Fünf Geschichten

Die Schöpfung und Enuma Elisch

Anderswo: Enuma Elisch, ein babylonisches Schöpfungsgedicht, auf Tontafeln aus dem ersten Jahrtausend vor Christus; der Stoff ist älter.

In der Bibel

Gott spricht, und es geschieht. Licht, Himmel, Meer, Land, Pflanzen, Sonne und Mond, Tiere und Menschen, und am siebten Tag Ruhe. Alles ist gut, und der Mensch ist nach Gottes Bild geschaffen.

Bei den Nachbarn

Der Gott Marduk besiegt das Meeresungeheuer Tiamat im Kampf und macht aus ihrem Leib Himmel und Erde. Danach werden die Menschen aus dem Blut eines besiegten Gottes, Kingu, gemacht, um die Arbeit der Götter zu tun. Das Gedicht endet mit dem Bau Babylons und des Tempels Marduks.

Was sich ähnelt

  • Ein Anfang mit Wasser und Finsternis.
  • Ordnung: Trennung von Himmel und Wasser, eine feste Reihenfolge.
  • Der Mensch bekommt eine Aufgabe.

Was sich unterscheidet

  • In der Genesis gibt es keinen Kampf: Gott muss niemanden besiegen, er spricht.
  • Sonne und Mond sind keine Götter, sondern „Lichter“ (1. Mose 1,16), einfach gemacht.
  • Der Mensch ist kein Sklave der Götter, sondern Gottes Ebenbild, gesegnet und für die Erde sorgend.

Wie Christen es lesen

Viele Ausleger, auch sehr konservative, sehen 1. Mose 1 hier als stille Antwort an Babylon: Was dort Götter sind, sind hier Geschöpfe. Wie die sechs Tage zu lesen sind, darin unterscheiden sich Christen; das steht bei Wissenschaft und Glaube.

Die Flut, Gilgamesch und Atrahasis

Anderswo: Das Gilgamesch-Epos (Tafel XI) und das ältere Atrahasis-Epos, dessen älteste Abschrift aus dem siebzehnten Jahrhundert vor Christus stammt; außerdem eine sumerische Erzählung über Ziusudra.

In der Bibel

Gott sieht, dass die Erde voller Gewalt ist. Er lässt Noah eine Arche bauen, rettet ihn, seine Familie und die Tiere und schließt danach einen Bund mit allem Leben, mit dem Regenbogen als Zeichen.

Bei den Nachbarn

1872 las George Smith vom British Museum eine Tontafel aus Ninive und fand darauf eine Flutgeschichte. Utnapischtim baut auf den Rat eines Gottes ein Schiff, nimmt Tiere mit, strandet auf einem Berg und lässt eine Taube, eine Schwalbe und einen Raben fliegen. Bei Atrahasis schicken die Götter die Flut, weil der Lärm der Menschen sie nicht schlafen lässt. Nach der Flut haben sie Hunger, weil ihnen niemand mehr Opfer gebracht hat.

Was sich ähnelt

  • Ein Schiff mit einer Familie und Tieren, mit Pech abgedichtet.
  • Ein Berg, auf dem das Schiff aufsetzt.
  • Vögel, die ausgesandt werden.
  • Ein Opfer nach der Flut.

Was sich unterscheidet

  • Bei Gilgamesch streiten launische Götter untereinander; in der Genesis ist es ein Gott, der gerecht richtet und zugleich rettet.
  • Der Grund: nicht Lärm, sondern Gewalt und das böse Herz des Menschen (1. Mose 6,5.11).
  • Die Genesis endet mit einer Zusage für alles Leben, nicht mit hungrigen Göttern.

Wie Christen es lesen

Manche Christen sehen in den vielen Flutgeschichten eine gemeinsame Erinnerung an eine wirkliche Katastrophe, die die Genesis treu bewahrt. Andere sehen die Genesis als bewusste Neuerzählung einer bekannten Geschichte, mit einem ganz anderen Gott in der Mitte. Auch darüber, wie weit die Flut reichte, gehen die Meinungen auseinander. Die Geschichte der Arche selbst steht auf der Seite über die Arche.

Zur Arche Noah

Der Turm zu Babel und die Zikkurat

Anderswo: Die Zikkurats Mesopotamiens, etwa Etemenanki in Babylon neben dem Tempel Marduks; und Enuma Elisch, das davon singt, wie die Götter Babylon bauen.

In der Bibel

Die Menschen wollen eine Stadt und einen Turm bis an den Himmel bauen, „um sich einen Namen zu machen“. Gott fährt herab, verwirrt ihre Sprache und zerstreut sie. Der Ort heißt Babel.

Bei den Nachbarn

Auf Akkadisch hieß Babylon Bab-ili, „Tor des Gottes“. Die Stadt war stolz auf ihren Stufenturm, der Himmel und Erde verbinden sollte. Im Schöpfungsgedicht bauen die Götter Babylon selbst als ihre Wohnung.

Was sich ähnelt

  • Gebrannte Ziegel und Asphalt als Baustoff (1. Mose 11,3), wie in Mesopotamien.
  • Ein Turm, der bis an den Himmel reichen soll, genau wie eine Zikkurat.

Was sich unterscheidet

  • Was Babylon „Tor des Gottes“ nennt, macht die Genesis mit einem Wortspiel zu „Verwirrung“ (hebräisch balal).
  • Gott muss nicht heraufgeholt werden: Er „fährt herab“, um sich den Turm anzusehen, so klein ist er für ihn.
  • An Pfingsten kehrt es sich um: eine Botschaft in vielen Sprachen.

Wie Christen es lesen

Dass 1. Mose 11 die Großsprecherei Babylons aufs Korn nimmt, sehen Ausleger aus allen möglichen Kirchen. Ob es um einen bestimmten Turm geht oder um die Menschheit, die sich selbst groß machen will, darin unterscheiden sie sich.

Die Zikkurat von Ur auf der Bibelkarte

Leviatan und Lotan

Anderswo: Der Baal-Zyklus, Gedichte auf Tontafeln aus Ugarit (Ras Schamra, Syrien), ausgegraben ab 1929; aus dem dreizehnten Jahrhundert vor Christus.

In der Bibel

Leviatan ist ein Meeresungeheuer. Gott hat ihn besiegt (Psalm 74), wird ihn strafen (Jesaja 27,1), und in Psalm 104 ist er einfach ein Geschöpf, das im Meer spielt. In Hiob 41 ist er das Bild für das, was kein Mensch zähmen kann.

Bei den Nachbarn

In den Texten aus Ugarit besiegt der Gott Baal (oder die Göttin Anat) Lotan, „die flüchtige Schlange, die gewundene Schlange, den Mächtigen mit sieben Köpfen“. Das Meer und das Ungeheuer stehen für das Chaos, das die Götter bändigen müssen.

Was sich ähnelt

  • Derselbe Name (Lotan, Leviatan) und fast dieselben Worte: Auch Jesaja 27,1 nennt ihn die flüchtige und gewundene Schlange.
  • Das Meeresungeheuer als Bild für Chaos und Böses.

Was sich unterscheidet

  • In Ugarit ist es ein Kampf zwischen Göttern mit offenem Ausgang. In der Bibel ist Leviatan ein Geschöpf Gottes, sogar ein Spielzeug (Psalm 104,26).
  • Die Bibel nimmt die alten Bilder auf, um zu sagen, dass Gott über allem Chaos steht, auch über dem, was Menschen am meisten fürchten.
  • In der Offenbarung kehrt der Drache zurück, und der Ausgang steht fest.

Wie Christen es lesen

Christen lesen Leviatan meist als dichterisches Bild, aus der Sprache der Nachbarn entlehnt, um Gottes Macht zu zeigen. Manche denken bei Hiob 41 an ein wirkliches Tier, etwa ein Krokodil. Was die Bibel sonst über Leviatan sagt, steht bei Engel und Wesen.

Leviatan bei Engel und Wesen

Die Nephilim und die Halbgötter

Anderswo: Helden wie Gilgamesch, der nach dem Epos zu zwei Dritteln Gott und zu einem Drittel Mensch war; und, viel später, das jüdische Henochbuch.

In der Bibel

In vier Versen erzählt 1. Mose 6 von „Söhnen Gottes“, die „Töchter der Menschen“ heiraten, und von den Nephilim, „den Helden der Vorzeit“. Gleich danach heißt es: Die Bosheit des Menschen war groß.

Bei den Nachbarn

Die Völker ringsum erzählten gern von Halbgöttern und Riesen, Kindern von Göttern und Menschen, die als Helden verehrt wurden. Gilgamesch, König von Uruk, ist das bekannteste Beispiel.

Was sich ähnelt

  • Eine Verbindung zwischen himmlischen Wesen und Menschen.
  • Berühmte, starke Gestalten aus der Urzeit.

Was sich unterscheidet

  • Was anderswo bewundert wird, steht in der Genesis in einer Reihe wachsenden Unheils, kurz vor der Flut.
  • Die Bibel erzählt es kurz und ohne Heldenverehrung; das Gewicht liegt auf Gottes Gericht und Gottes Geduld.

Wie Christen es lesen

Wer die „Söhne Gottes“ waren, ist eine alte Frage: gefallene Engel, die Nachkommen Sets oder Könige. Faden stellt diese Lesarten bei den Rätseln nebeneinander.

Die Nephilim bei den Rätseln

Was der Vergleich zeigt

  • Ähnlichkeit ist keine Kopie. Zwei Flutgeschichten können beide auf etwas Älteres zurückgehen, und sie können auch bewusst miteinander im Gespräch sein.
  • Der Unterschied sagt am meisten. Wo die Nachbarn launische Götter, Kampf und Sklaverei zeigen, zeigt die Bibel einen Gott, der spricht, sorgt, richtet und einen Bund schließt.
  • Die Bibel spricht die Sprache ihrer Zeit. Gott sprach zu Menschen in Bildern, die sie kannten, so wie Jesus später von Sämännern, Münzen und Weinschläuchen sprach.

Lies den Anfang noch einmal, mit neuen Augen.

1. Mose 1 öffnen

Lesekomfort

Wähle, was hilft. Deine Wahl bleibt auf diesem Gerät gespeichert.

Textgröße

Lieber die Einstellungen deines Geräts (Zoom, Screenreader, Dunkelmodus)? Die funktionieren hier auch.